02. Juni 2009

Holzspielzeug hat in Deutschland eine lange Tradition. Seit über 60 Jahren ist die Marke Eichhorn das Synonym für hochwertige, ausgezeichnete Bauklötze, Schienenbahnen, Nachziehfiguren und, und, und. Doch wie wird eigentlich aus einem riesigen Baumstamm ein winziges Spielbäumchen? Eine Reportage in bewegten Bildern.

Es gibt Gerüche, die berühren. Fast jeden. Das mag damit zusammenhängen, dass unser Geruchssinn in jenem Gehirnareal angesiedelt ist, das die Gefühle steuert. Vanille gehört dazu, die Rose, Heu in der Sommersonne oder der Duft von frisch gebackenem Brot. Und das Aroma von Holz. Von eben erst verarbeitetem Holz, das sich warm anfühlt. Wer einmal in den Genuss kam, die Fabrik zu besuchen, in der das Eichhorn-Spielzeug entsteht, hat diesen wunderbaren Duft noch Tage später in der Nase.
Man muss sich schon sehr gut auskennen im Prager Umland, um die Simba Toys Fabrik zu finden. Nach dem Weg zu fragen, ist nahezu unmöglich, kilometerlang ist die Gegend menschenleer. Seit der Wende, der „Revolution“ wie die Tschechen sagen, sind viele Menschen ausgezogen, ihr Glück in der Hauptstadt oder noch weiter westlich zu suchen. Sobald man die Autobahn verlässt, führt nur eine schmale, kurvige Straße gen Südosten.

Holzspezialisten waren schon da
1998 übernahm die Simba Dickie Group die Konkursmasse des Firmengründers Hermann Eichhorn, verlegte 1999 die Produktion des legendären Holzspielzeugs von Niederbayern nach Tschechien in den kleinen Ort Netvorice, etwa 40 Kilometer südöstlich von Prag. Auf dem fünf Hektar großen Gelände stand früher bereits eine kleine Tischlerei für Fenster und Türen. Daher gab es in dem heute 1.000-Seelen-Ort einige Holzspezialisten. Der Umzug dauerte Wochen, 80 Laster umfasste die Karawane, die sich über die Landstraßen schleppte. Aufbau und Ausstattung der neuen Fabrik verschlangen rund zwei Millionen Mark.
Sobald man sich nähert, sieht man das Holz. Überall Holz. Buchenholz aus nachhaltiger ökologischer Forstwirtschaft, das bereits zu Brettern geschnitten aus Tschechien, Russland und der Ukraine angeliefert wird. Meterhoch lagert es im Freien, damit es erst einmal lufttrocknen kann. Im Urzustand mit 40 Prozent Wassergehalt ist es zu feucht für die Verarbeitung. Ideal sind acht Prozent. Bei weniger reißt es. Sind draußen zehn bis zwanzig Prozent Feuchtigkeit entwichen, wird es in die Trockenkammer gebracht. Ein Computersystem sorgt für die perfekte Temperatur. Bis zu sechs Wochen muss man warten, dann kann es losgehen.

Ohne Handarbeit geht nichts
Im ersten Schritt werden die riesigen Planken grob geglättet, auf eine Länge von 80 Zentimetern gekürzt und in die „Vierseitige Fräse“ gesteckt. Ein lustiger Anblick: Vorne kommt das Brett rein und hinten kommen perfekte Quaderstäbe von drei bis zehn Zentimetern Stärke wieder heraus.
Diese Stäbe gelangen ins Allerheiligste, die Schleifhalle. Hier duftet es noch intensiver. Es staubt. Bis in die kleinste Ritze, auf jedes Kleidungsstück, die Haare, die Haut, legt sich das feine Sägemehl. Dabei wird es ständig – daher das permanente Brummen – abgesaugt und wie alle anderen Holzabfälle im Silo gesammelt. Eine Besonderheit bei Eichhorn: Kein Span kommt um. Alles wird zu Spanplatten oder Briketts gepresst, die als Feuerholz dienen und auch die Fabrikhalle heizen. Hundertprozentig ökologisch. Ein schöner Nebenerwerb, denn die Pellets sind in Westeuropa äußerst beliebt bei Kaminbesitzern.

Ökologisches Bewusstsein gehört gerade bei der Holzfabrikation heute dazu. Seit Herbst vergangenen Jahres ist der Löwenanteil der 3.000 Kubikmeter Holz, die jedes Jahr hier in Netvorice für Eichhorn verarbeitet werden, vom FSC zertifiziert. Die unabhängige, gemeinnützige Organisation schickt ihre Prüfer um die Welt, um Umweltkatastrophen wie die Brandrodung im Amazonasgebiet und Kahlschläge andernorts zu vermeiden. Wermutstropfen für den Zertifizierten ist der Preisanstieg des Rohmaterials. Denn die Holzverkäufer lassen sich die hohen Prüfkosten natürlich zurückzahlen. „Aber anders geht es nicht mehr und soll es auch nicht“, so Stefan Häusinger, Product Manager von Eichhorn. „Umweltschutz hat Priorität.“
Damals und heute in einer Halle
Nicht nur staubig, sondern ohrenbetäubend laut ist es in der Halle. Hier treffen Damals und Heute anschaulich zusammen. Mal schleift eine Hightechmaschine die Kanten rund, mal ein Handwerker mit Sandpapier wie es jeder Bastler kennt. Dort fräst ein hochkomplizierter Roboter allein die Rillen in die Schienen, da bedient ein Mitarbeiter die mechanische Fräse. Hier werden Löcher für die kleinen Räder wie am Fließband maschinell gebohrt, dort wiederum von Hand. „Wir haben das sorgfältig abgestimmt“, sagt Stefan Häusinger, der sehr oft zu Arbeitstreffen anreist. „Die Kombination von maschinenunterstützter Hand- mit reiner Computerarbeit hat sich bewährt.“ Denn einerseits wurden so Arbeitsplätze gesichert, andererseits können die Mitarbeiter ihre alten Maschinen selbst reparieren. „Wie früher beim VW-Käfer“, schmunzelt Häusinger.
55 Mitarbeiter beschäftigt Simba Toys in Netvorice. Im Sommer, zur Peak Season fürs Weihnachtsgeschäft, kommen viele Studenten hinzu, zumeist Einheimische, die in Prag Möbeldesign studieren und mit faszinierender Fingerfertigkeit hämmern, stecken, leimen. In Spitzenzeiten geht es auch in der Konfektionierung heiß her. Dort werden Bauklotz-Eimer und Spielschachteln befüllt. 250.000 Packungen pro Jahr verlassen die Konfektionierungsabteilung.
Frauenpower mit Gefühl
Was diese Fabrik außerdem ausmacht: Das Führungstrio ist weiblich. Die Geschäftsführerin heißt Jana Stachová.„Das war ein hartes Stück Arbeit, die Männer zu überzeugen, dass eine Frau das kann“, erzählt sie. Jana Stachová startete vor mehr als 20 Jahren für die Familie Sieber im Außendienst. Später managte sie das Vertriebsbüro in Prag. Als Eichhorn nach Tschechien verlegt werden sollte, erhielt sie mit ihrem Ehemann das Aufbauprojekt, der die Fabrik leitete. Nachdem ihr Mann überraschend gestorben war, übernahm seine Witwe das Zepter. Geduldig verschaffte sie sich den Respekt der Handwerksmeister. Heute läuft der Laden wie am Schnürchen. Die Beziehung zwischen Chefin und Mitarbeitern ist eng, schließlich kennt jeder jeden im Ort. Mal schlichtet Jana Stachová Streit oder trocknet Tränen, packt beim Kistenschleppen mit an, damit alle sehen, dass sie ein ganzer Kerl ist. Die Handwerker in der Halle sind vorwiegend gelernte Tischler und Schreiner. Und auffällig oft weiblich. „Frauen haben ein Händchen, um jede Unebenheit zu erspüren“, erzählt Jana Stachová. Jedes Wägelchen wird mit den Fingerspitzen auf Splitter untersucht, ehe es in die Farbtrommel kommt. Hier können alle alles, fräsen, hämmern, bohren, verzieren oder verpacken. Je nachdem, welcher Produktionsschritt gerade mehr Arbeit verlangt.
Mal sind es tonnenweise Schienen, 8.000 Rundschienen pro Schicht, mal zentnerweise Bäumchen. Scheibe für Scheibe werden diese aus den Stäben gefräst, eines wie das andere. Fast. Denn manchmal kommt ein Astloch zum Vorschein. Diese Mangelhaften werden per Hand aussortiert und recycelt. Hier zeigt sich wieder die Harmonie von alten halbmechanischen Maschinen und Hightech. Denn an anderer Stelle in der Halle erkennt ein Laserabtaster jede Unebenheit und die Präzisionssäge umgeht sie.

Geheimnisvolle Farbspiele
Längst gibt es die Eichhorn-Klötzchen und -Züge farbig. In der Lackiererei stehen verschiedene Trommeln, die wie Betonmischer aussehen. Da kommen die Kleinteile zusammen mit Füllmaterial hinein: kleine Kegel, Kirschkerne oder Kieselsteine, damit die Farbe im „Waschgang“ gleichmäßig verteilt wird und die Teilchen nicht aneinander pappen. Die Farbe – Rezeptur geheim – ist ausgesprochen haltbar, nahezu geruchslos, auf Wasserbasis, umweltverträglich und gesundheitlich unbedenklich. Eine zweite Methode, um die naturfarbenen Spielzeuge bunt zu gestalten, ist das Tamponprintverfahren. Mit Stempeln, die in Maschinen stecken, welche einarmigen Banditen gleichen, werden Blüten und Ornamente aufgestempelt. Von Hand oder maschinell.

Züge fahren um die Welt
Eichhorn gehört heute zu den Top Drei der Holzspielzeuganbieter in Deutschland. Die Schienenbahnen sind immer noch am begehrtesten, bis zu 400.000 Züge treten jedes Jahr ihre Reise von Tschechien in die Welt an. „Es gibt heutzutage mehr Ein-Kind-Familien als früher. Ihnen sind Qualität und Sicherheit sehr wichtig, deshalb kaufen sie unser Holzspielzeug“, erklärt Stefan Häusinger. Nach einem Besuch der Eichhorn-Fabrik dröhnen ein bisschen die Ohren. Der wunderbare Duft bleibt noch ein paar Tage lang in der Nase.
Noch mehr? Den Film zur Reportage sehen Sie links im Infokasten.