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Mythos und Wahrheit

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Um die Kindheit ranken sich viele Mythen und Weisheiten. Bei aller Modernität und Wissenschaft halten sich Großmutters Regeln und Ratschläge hartnäckig und werden immer wieder neu belebt. Was ist wahr daran? Einige Beispiele.

 

ALLE MÄDCHEN LIEBEN ROSA. Ein Baby kann ja nicht über die Farbe seiner Kleidung und Umgebung entscheiden. Eltern wählen unbewusst gern Rosa, weil es den zarten Teint unterstreicht und für Reinheit und Unschuld steht. Das ist in Europa kulturhistorisch verankert. Wohl auch, damit die Umwelt sofort erkennt, dass es sich um ein weibliches Baby handelt. Auch viele Mädchen-Spielsachen sind rosa, weil Erwachsene das süß finden. So wird diese Vorliebe eingeimpft, bis das Mädchen sie dann später selbst wählt.

JUNGS MÖGEN DIE FARBE BLAU. Auch das ist eher Erwachsenensicht. Jungs mögen Grün oder Braun genauso gern. Die Konsumforschung weist nach, dass Blau die Lieblingsfarbe der Deutschen ist, beiderlei Geschlechts. In früheren Jahrhunderten kleidete man männliche Babys in Himmelblau, um sie vor bösen Geistern zu schützen.

SPINAT MACHT STARK. Comic-Seemann Popeye ist schuld. Er verspeiste ab 1933 büchsenweise Spinat und wurde superstark. Seither müssen Kids das fade Grünzeug essen, weil es viel blutbildendes Eisen enthalte. Die Legende stimmt gar nicht. Wegen eines Rechenfehlers des Schweizer Wissenschaftlers Gustav von Bunge, der 1890 die erste Laboranalyse von Spinat(pulver!) durchführte. Spinat liefert nur etwa halb so viel Eisen wie dieselbe Menge Schokolade, Hirse oder Pistazien. Dafür bietet das Blattgemüse viel Ballaststoffe, Mineralien, Vitamine und Eiweiß. Ob das die Kleinen überzeugt?

MÄDCHEN LERNEN SCHNELLER SPRECHEN. Stimmt. Glaubt man dem Stand der Wissenschaft, entwickelt sich bei Mädchen die linke Gehirnhälfte, in der das Sprachzentrum angesiedelt ist, schneller als bei Jungs. Zudem setzen sie beide Gehirnhälften beim Spracherwerb ein. So lernen Mädchen früher sprechen und lesen. Zumal Mütter und Väter nachweislich häufiger mit weiblichen Babys reden. Bei Jungen entwickelt sich hingegen die rechte Gehirnhälfte zügiger, wodurch sich visuelle und logische Wahrnehmung stärker ausprägen kann. Meistens gleicht sich das spätestens im Schulalter aus.

EIN HORNISSENSTICH IST TÖDLICH. Die Angst unserer Ahnen ist verständlich, denn der Stich einer Hornisse tut wahnsinnig weh. Deren Gift ist aber kaum stärker als das einer Biene. Wespen sind viel giftiger. Gefährlich wird’s nur, wenn ein Kind eine Insektengiftallergie hat. Dass übrigens die niedlichen dicken Hummeln nicht stechen, ist eine Mär. Fühlen diese sich bedroht, stechen auch sie.

FINGERKNACKEN IST UNGESUND. Das ist in der Tat schädlich. An den Gelenken zu ziehen, bis sie laut knacken, überdehnt die Sehnen und kann die Gelenke frühzeitig verschleißen und lockern.

MÄDCHEN SIND KREATIVER. Kein Wunder, wenn die Großen sie ständig dazu anstiften. Jungs bekommen Werkbank und Fahrzeuge zum Herumrasen, Mädchen eine Miniküche und ein Malbuch. Gerade wenn bei Geschwistern das Mädchen sehr viel kreativer scheint, ist das meistens Ergebnis der Erziehung.

DRECK REINIGT DEN MAGEN. Da haben die Großeltern durchaus Recht. Wobei nicht gemeint ist, dass Kinder händeweise Sand essen sollen. Das kindliche Immunsystem kann aber etwas Schmutz verkraften und wird dadurch trainiert. Studien beweisen, dass Kinder in blitzsauberer, desinfizierter Welt erheblich häufiger Infektionen und Allergien haben als andere.

JUNGS SIND ALS BABYS WILDER. Jungen sind bei der Geburt häufig schwerer und größer als Mädchen. Wegen der höheren Muskelmasse ist der Bewegungsdrang männlicher Babys oft anfangs größer. Die Muskeln müssen bewegt werden, um sich auszubilden. Mit dem ersten deutlichen Testosteronschub etwa im dritten Lebensjahr steigt dieses Bedürfnis nochmals an. Kleine Jungen spielen dann mit ganzem Körpereinsatz. Mädchen toben eher weniger und ohne Kräftemessen.

NEUE SCHUHE DRÜCKEN NUN MAL. Was für ein Quatsch. Gerade bei Kinderfüßen ist es wichtig, dass die Schuhe passen und bequem sind. Andernfalls können die noch schwache Fußmuskulatur und die kleinen, im Wachstum befindlichen Knochen erheblichen Schaden nehmen.

DIE AUGEN KÖNNEN STEHEN BLEIBEN. Schielen Kids oder verdrehen die Augen, ist immer jemand zur Stelle, der droht: Wenn dich jetzt jemand erschreckt oder dir eine Ohrfeige gibt, bleiben die Augen so stehen. Papperlapapp. Bis dato ist kein einziger Fall von schlagartiger Augenmuskellähmung dokumentiert.

MÜCKEN FLIEGEN AUF SÜSSES BLUT. Zum Trost, wenn ein Kind viele Mückenstiche hat, hört es, es habe eben süßes Blut. Eine Binsenweisheit, die einer Metapher entsprang. Denn süß steht für attraktiv. Attraktiv für die kleinen Blutsauger. Sie suchen sich ihre Opfer nach dem Geruch, nicht nach dem Geschmack. Welche Duftstoffe das sind, ist noch nicht abschließend erforscht. Fest steht: Mücken fliegen auf Buttersäure (in Schweiß enthalten) und blumige Parfums.

MÄNNLICHE BABYS SIND EMPFINDLICHER. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Jungs in den ersten drei Monaten mehr schreien und schwieriger zu beruhigen sind. Sie sind auch häufiger krank. Offenbar brauchen männliche Babys etwas länger, um sich der Umwelt außerhalb des Mutterleibs anzupassen, so die Expertenmeinung. Dieser kleine Unterschied gleicht sich aber bald aus.

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Frau Isabel Weishar

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