24. Juni 2008

Keine Sorge – der Teddybär ist geprüft.
Die Serie von Spielzeug-Rückrufen im vergangenen Sommer hat dem Image der Spielwarenbranche geschadet. Nun hat EU-Kommissar Günter Verheugen die Sicherheitsfrage zur Chefsache erklärt und fordert noch mehr Regeln für Hersteller und Importeure. Berechtigt oder übertrieben? Ein Blick zurück nach vorn.
Günter Verheugen, der deutsche Kommissar für Industrie und Unternehmen in Brüssel, fordert strengere Qualitätskontrollen für Spielzeug. Im Januar legte er seinen Richtlinien-Entwurf vor (siehe Kasten rechts). So sollen etwa Geborgenheit:
das Gefühl, in Sicherheit zu sein.Spielwaren, die elektronische Chips enthalten, zusätzlich zu den Kontrollen der Hersteller eine Zertifizierung durch Drittstellen vorweisen. „Die Welt des Spielzeugs hat sich komplett verändert“, so sein Argument. Die Vorschriften aus der Spielzeugrichtlinie 88/378/EWG seien nach 20 Jahren dringend überholungsbedürftig.
Die Rückruf-Aktionen 2007
Zum Hintergrund: Im vergangenen Jahr mussten große Spielzeughersteller mehrmals Produkte aus dem Verkehr ziehen. Ein US-Spielzeugkonzern rief innerhalb von fünf Wochen dreimal bleihaltiges Spielzeug zurück. Blei kann zu Hirnschäden führen, wenn es verzehrt wird. Weltweit waren das rund 800.000 Artikel (in Deutschland etwa 38.000), darunter 675.000 Accessoires für Anziehpuppen. Diese enthielten Magnet-Kleinteile, die Kinder hätten verschlucken können. Anfangs vermutete man bei dem Spielzeug- Giganten die Defizite ausschließlich in der chinesischen Produktion. Tatsächlich stellte sich heraus, dass lediglich 13 Prozent der Spielzeuge wegen bleihaltiger Farbe, 87 Prozent jedoch aufgrund falschen Designs zurückmussten. Und: Die Metallteile in den Puppen kamen aus dem US-Stammhaus. Man entschuldigte sich daraufhin für die verzerrte Darstellung offiziell bei den chinesischen Behörden.
Eine Vertriebsfirma zog eine Million Babylätzchen aus dem Verkehr. Darin hatten neuseeländische Wissenschaftler Blei entdeckt. Die Simba Dickie Group rief im November vorsichtshalber Spielzeugperlen zurück, ein Vertriebsprodukt eines italienischen Partners. In den USA und Australien wurde über Probleme berichtet, nachdem Kinder sie geschluckt hatten. Die Fürther reagierten, ehe überhaupt klar war, ob das hierzulande vertriebene Spielzeug dieselben kritischen Stoffe enthielt. Hersteller war ein australisches Unternehmen, das die Produkte aber in China produzieren ließ.

Für die Sicherheit unserer Kinder sollten alle an einem Strang ziehen.
Kinderspielzeug kommt aus China
China ist der weltweit größte Exporteur von Spielzeug und exportiert jährlich rund 22 Milliarden Artikel, etwa 60 Prozent der weltweiten Produktion. Die in Europa verkauften Spielwaren werden sogar zu 80 Prozent in der Volksrepublik hergestellt. Wer importiert, muss dafür sorgen, dass sie den europäischen Sicherheitsstandards entsprechen. Bei der Simba Dickie Group durchlaufen alle Artikel die Qualitäts- und Sicherheitstests nach EU-Richtlinien.
Noch im Spätsommer 2007 reagierten die zuständigen chinesischen Behörden prompt: In China wurden sofort über 300 Lizenzen nationaler Hersteller eingezogen, bis heute sollen es nach Brancheninformationen fast 1.000 sein. Dennoch lösten die Rückrufe weltweit Empörung der Verbraucherschutzorganisationen, politische Diskussionen und Sorgen bei vielen Eltern aus. Auf nationaler und auf EU-Ebene wurden die Einfuhrbedingungen chinesischer Importartikel hitzig diskutiert.
Es konnte der Eindruck entstehen, Spielzeughersteller seien skrupellose Geschäftemacher, die die Gesundheit unserer Kinder riskieren. Doch dies sind die Fakten:
Qualität steht im Mittelpunkt
„Die Sicherung von Spielzeug ist umfassend geregelt“, sagt Volker Schmid, Geschäftsführer des Verbandes der Spielwarenindustrie (DVSI), Stuttgart. „Die TÜV-Berichte zeigen: In China wird äußerst hohe Qualität produziert, sonst würden nicht 80 Prozent aller Spielzeuge in der EU dort herkommen.“ Zumal: Nur ganz wenig Spielzeug ist hundertprozentig chinesischer Herkunft. „Die meisten Spielzeughersteller dort, von denen etwa 3.500 Firmen Exportlizenzen besitzen, arbeiten für ausländische Auftraggeber, die nicht nur das Design vorgeben, sondern auch Material und Vorprodukte liefern“, erklärt der Verbandschef. Den Beschluss des Bundeswirtschaftsministeriums, national die Marktaufsicht durch die Gewerbeaufsichtsämter zu stärken und künftig noch mehr Stichproben durchzuführen, „befürworten wir.“ Mehr noch: „Spielzeuganbieter sollten nachweisen müssen, dass sie das für die Spielzeugsicherheit erforderliche Qualitätsmanagement tatsächlich beherrschen“, so Schmid.
So bietet der Verband in Kooperation mit dem TÜV Rheinland seit Oktober 2007 die Ausbildung zur „Spielzeugsicherheitsfachkraft“ an. Sie richtet sich vor allem an kleine Firmen – nach dem Vorbild der großen Konzerne wie der Simba Dickie Group, „die hervorragendes Qualitätsmanagement vorleben.“
Größe ist doch wichtig
Wie ernst die Unternehmen ihre Verantwortung nehmen, zeigt die derzeit steigende Nachfrage nach GS-Siegeln, den lizenzierten Zeichen der deutschen Regierung, die nach unabhängiger Prüfung (TÜV, Dekra) vergeben werden. Eine Sicherheitsprüfung kann allerdings bis zu 2.000 Euro kosten, die sich offenbar einige Importeure nicht leisten wollen. Daher kann ein Tipp für Verbraucher lauten, sich auf Produkte der großen Spielzeughersteller zu verlassen.

Spielen soll Spaß machen!
Schwarze Schafe gibt es überall
Allein der TÜV Rheinland, der international Sicherheitsprüfungen durchführt, beschäftigt in China 24 Labors mit 1.400 Mitarbeitern. In Hongkong werden jeden Monat mehr als 10.000 Tests auf gesundheitsgefährdende Schadstoffe in Spielzeugen durchgeführt. „Angetrieben von den großen deutschen Handelsketten steigen Produktqualität und Produktionsbedingungen in Asien kontinuierlich“, so Jörg Mähler, Geschäftsführer TÜV Rheinland in Hongkong. „Dass es in China – aber auch anderswo – schwarze Schafe gibt, die Grenzwerte aus Kostengründen oder bei Materialengpässen ignorieren, kann niemand gänzlich ausschließen.“ Bei Waren, die Kinder betreffen, sind Verbraucher eben besonders sensibel. Dass regelmäßig Automobile zurückgerufen werden, erhitzt die Gemüter kaum. Dabei registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt 2007 allein 371 Fälle (2006: 342), die 536.477 Autobesitzer betrafen.
Kontrolle wird zunehmend besser
Ein Grund dafür, dass kritische Ware schneller identifiziert wird, ist das seit 2005 aktive Schnellwarnsystem RAPEX (Rapid alert system for non-food dangerous goods). Im Internet (http://ec.europa.eu/consumers/.../rapex_archives_en.cfm) veröffentlicht die EU wöchentlich Produkte, von denen Risiken ausgehen können. Marktaufsichtsbehörden in 30 europäischen Ländern melden alles, vom Babynuckel bis zur Bohrmaschine, vom Hustensaft über Tierfutter bis zur Zahnpasta. Auch das Kraftfahrt-Bundesamt bedient sich dieses Systems. In Deutschland ist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit für die Meldungen zuständig. Dass immer mehr gemeldet wird, „heißt doch, dass die Wachsamkeit der nationalen Kontrollbehörden steigt“, so die EU-Verbraucherschutzkommissarin Meglena Kuneva. Das bedeute nicht gleichzeitig, dass es tatsächlich mehr mangelhafte Ware aus Fernost gibt.
Deshalb gibt es keine sachlichen Argumente für ein Importverbot aus China. „Es wäre unsinnig, besorgten Eltern zu raten, grundsätzlich Produkte aus Fernost zu meiden“, so Gitta Geue, Umweltreferentin der Verbraucherzentrale Bayern, „schließlich leben wir in einer globalisierten Wirtschaft.“ Wichtiger ist ihr, „zu vermitteln, woran man bedenkliche Ware erkennt.“ Sehr oft ist das Billigware. Das ist der Punkt. Wer nicht bereit ist, einen angemessenen Preis zu zahlen, darf keine Höchstqualität erwarten. Die Verbraucher selbst setzen die Hersteller mit ihrer Forderung nach immer niedrigeren Preisen für Spielzeug unter Druck. Qualität hat aber nun einmal ihren Preis. Wer sicher gehen will, muss geprüftes Qualitätsspielzeug kaufen. Ganz einfach.