04. September 2008

Früh übt sich?!
Niesende Dinos, pinkfarbene Gameboys, plappernde Pandabären – Lern- und Multimedia-Spielzeuge waren die Stars auf der Spielwarenmesse in Nürnberg. Ist das pädagogisch wertvoll? Dr. Nicole Becker gibt die Antwort.
YO- YO: Frau Dr. Becker, wie stehen Sie zu Spielen mit Lerneffekt, dem edukativen Spielzeug? Geht dabei nicht die Unbekümmertheit verloren?
DR. NICOLE BECKER: Viele Eltern sind angesichts der aktuellen Diskussionen über die Leistungen des öffentlichen Schulwesens besorgt darüber, dass ihre Kinder dort zu wenig lernen. Ich halte Lernspiele dann für angebracht, wenn die Inhalte sinnvoll sind und die Kinder ihre Freude daran haben. Denn was Kinder gern tun, tun sie auch unbekümmert.
Das geht aber oft noch weiter: Die Tagesmutter spricht Englisch mit dem Baby, das Kleinkind soll mit Buchstaben spielen …
Das hängt mit der Angst der Eltern zusammen, ihre Kinder könnten etwas verpassen. Man spricht heute von der „Wissensgesellschaft“ und betont, wie
wichtig intellektuelle Leistungen und Bildungszertifikate sind, um in der Welt zu bestehen. Es ist aber unsinnig, Kinder mit Lerninhalten zu konfrontieren, bevor sie die kognitive Reife besitzen, diese zu verarbeiten. Das Einjährige ist mit ganz anderen Entwicklungsaufgaben und –schritten beschäftigt. Es kann mit Buchstaben schlicht noch nichts anfangen.
Wenn das Kind altersgemäße Lernspiele noch nicht beherrscht – müssen sich die Eltern sorgen?
Nein, Menschen sind keine Maschinen, die nach einem vorher festgelegten Plan funktionieren. Jeder hat sein individuelles Entwicklungstempo. Nehmen Eltern regelmäßig die kinderärztlichen Untersuchungen wahr und werden dort keine gravierenden Entwicklungsverzögerungen festgestellt, kann man das gelassen sehen.
Kids lieben Nintendo Wii und iPod. Wie schätzen Sie den Technik-Trend ein?
Ich denke nicht, dass solche Arten des Spiels per se schlecht sind. Es ist eine
Frage der Dosierung. Manche Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wann es Zeit wird, sich vom Gameboy ab- und der sozialen Umwelt oder anderen Dingen zuzuwenden, andere nicht. Hier sind Eltern und Bezugspersonen gefordert, Grenzen zu setzen.
Eltern teilen die Vorlieben ihrer Kinder oft nicht: Erwachsene mögen Holzspielzeug, Kinder die Laserschwerter, Monster und Plastikzombies. Ist dieser „Schund“ schlecht für Kinder?
Wir haben als Erwachsene andere ästhetische Präferenzen und offenbar vergessen, dass wir früher selbst fürs Knallbunte empfänglicher waren als fürs Naturbelassene. Ich vermute, Laserschwerter und Plastikmonster sind so beliebt, weil sie sich von der sonstigen Umgebung abheben. Kinder stellen sich in bestimmtem Alter beispielsweise gern allmächtige Wesen vor. Die müssen dann auch anders aussehen als das, was man schon kennt. Wir müssten mal untersuchen, wie die Kinder selbst das sehen! Erst dann ließe sich beantworten, ob diese – uns Erwachsenen seltsam anmutenden Spielzeuge – Kindern schaden können.
Haben Malen, Basteln, Kneten schon ausgedient?
Auf keinen Fall. Und das wird auch noch lange so bleiben. Diese Beschäftigungen besitzen eine starke motorische Komponente, also grundlegenden Einübungscharakter, und geben den Kindern Raum für ihre Phantasie und Kreativität.
Warum ist Spielen überhaupt so wichtig?
Kinder erschließen sich dadurch ihre Welt. So entwickeln sich grundlegende kognitive und motorische Fähigkeiten. Als Erwachsene nennen wir das spielerisch, für Kinder ist es gewissermaßen der natürliche Zugang zur Welt. Dabei können sie sich entwickeln und ihre Grenzen austesten.
Wird zunehmend weniger gespielt?
Nein, im Gegenteil. Je mehr Freizeit eine Gesellschaft hat, um so mehr spielt sie. Das gilt für Kinder und für Erwachsene. Ich glaube auch nicht, wie in den 1980er Jahren kritische Stimmen behauptet haben, dass die Kindheit durch die vielen neuen
Medien verschwindet. Ein Teil der Spielwelt verändert sich, das Segment wird insgesamt breiter, und damit verändert sich auch die Kindheit. Es wird eben nur anders und mit anderen Dingen gespielt als früher.
Kontakt zu Fr. Dr. Becker unter:
www.erziehungswissenschaft.uni-tuebingen.de