16. Juli 2008

Simba Dickie Group und Smoby
Im März übernahm Simba Dickie den Löwenanteil der Smoby Gruppe, ehemals Frankreichs Spielzeughersteller Nummer eins. Damit rettete sie in Lavans-lès-Saint-Claude wichtige Arbeitsplätze und investierte in den Industriestandort Europa.
Einstiger BIG Player in der Krise
Smoby wurde 1924 als Familienunternehmen in Frankreich gegründet. Durch Übernahme der Firmen Majorette und Berchet stieg die Smoby Majorette Gruppe zum Primus des französischen Spielzeugmarktes auf. Im Laufe der Jahre führte sie weltweit 18 Tochterunternehmen, beschäftigte zuletzt weltweit 2.300 Mitarbeiter, 1.080 davon in der Heimat. Zentrum war der Firmensitz im regionalen Naturpark des Haut-Jura, der sich auf die Départements Jura, Doubs und Ain erstreckt. Vor einem Jahr geriet Smoby dann in die Verlustzone. Man hatte mehrere Firmen gekauft, aber nicht wirklich integriert. Die Produktpalette wurde unübersichtlich, viele Segmente kannibalisierten einander. Es ging bergab. Die Mitarbeiter wussten nicht, wie und ob es überhaupt weitergehen würde, bangten um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft. Zu Recht, denn Smoby war stets einer der größten Arbeitgeber. Das Haut-Jura ist eine Gegend voller Gegensätze mit Tannenwäldern, Flüssen und Weinbergen, mit Höhenlagen bis zu 1.500 Metern, idyllischen Almen und steinernen Zeugnissen der Vergangenheit, die bis zur Eroberung durch die Römer etwa 50 vor Christus reicht. Wasserfälle, Schluchten und Seen machen den wildromantischen Charme dieses Landstriches aus. Über dem Fluss Bienne liegt in der Region Franche-Comté die Gemeinde Lavans-lès-Saint-Claude, in der die Smoby-Administration untergebracht ist. Weitere Produktionsstandorte sind Arinthod und Moirans. Von hier aus werden die Spielwaren in alle Welt versandt.
Käse und Spielzeug – viel mehr nicht
Geprägt war die Gegend immer von Land- und Forstwirtschaft sowie dem Handwerk, insbesondere der Pfeifenherstellung. Französische Pfeifen kommen heute fast ausnahmslos aus Saint-Claude. Klimatisch zu rau für den Weinanbau – den gibt es nur im westlichen Teil des Jura – lohnte sich die Viehwirtschaft, vor allem die Käsemanufaktur. Rund 80 Prozent der Milchproduktion werden heute zu Käse verarbeitet. Fondue und Raclette wurden hier (und nicht von den Schweizern) erfunden. Am bekanntesten ist der Comté, edler Rohmilchkäse von der rotscheckigen Montbéliard-Kuh. Nennenswert sind noch Wild und Morcheln. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten sich immerhin einige andere Industriezweige entwickelt, die Fertigung von Knöpfen und Schnallen zum Beispiel, Diamantschleiferei und Uhrenbau, vor allem aber die Kunststoff- und eben die Spielwarenindustrie.
Erfahrung setzt sich durch
So sahen das auch die Franzosen. Zuletzt gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einer französischen Investorengruppe. Die hatte natürlich Heimvorteil. Doch die Insolvenzverwalter entschieden sich für die Simba Dickie Group als strategischen Investor für Teile der ehemaligen Smoby-Berchet-Guppe. Die jahrzehntelange, internationale Erfahrung im Spielwarenbereich und die stabilen weltweiten Distributionsmöglichkeiten mit 20 eigenen Tochterunternehmen hatten die staatlichen Verwalter vor dem Tribunal de Commerce in Lons-le-Saunier überzeugt. „Wir haben in den letzten Jahren vielfach bewiesen, dass wir Neustrukturierungen nach Übernahmen erfolgreich durchführen“, so COO Uwe Weiler. Die Fürther Firmengruppe vereint unter ihrem Dach bekannte Marken wie Simba, Dickie, Schuco (Modellautos), BIG, Nicotoy (Kuscheltiere), Noris, Tamiya (Modellbausätze) und Eichhorn. Markenartikel werden im eigenen Haus entwickelt und weltweit vertrieben. Zudem ist die Gruppe stark im Vertrieb von Lizenzthemen wie zum Beispiel Walt-Disney-Artikeln.
Meilenstein in der Firmengeschichte
Für die fränkische Firmengruppe bedeutet die Übernahme einen Meilenstein in ihrer über 25-jährigen Firmengeschichte. Und viel Arbeit. Das Fürther Führungstrio hat zunächst mit jedem Mitarbeiter gesprochen. Mit jedem einzelnen, vom Azubi bis zum Manager. Der Vertrag verlangte die Übernahme von 401 Mitarbeitern. Doch Simba Dickie beschäftigt 446 Mitarbeiter weiter. Die Menschen zeigen sich zutiefst dankbar. „Das wichtigste Ziel ist nun, unsere Philosophie und Denkweise zu vermitteln, die Menschen zu motivieren und schnellstmöglich Smoby wieder auf die Erfolgsspur zu setzen“, beschreibt CFO Manfred Duschl die nahen Zukunftspläne. Die Verschmelzung fügt sich harmonisch in die Expansions- und Wachstumsstrategie der Gruppe ein. Smoby bereichert das Portfolio des erfolgreichen, mittelständischen Fürther Familienunternehmens (Umsatz 2007: 370 Millionen Euro). Gefehlt haben diese großen Outdoorprodukte wie Rutschen und Spielhäuser, Dreiräder, die Miniküchen und Werkbänke von Smoby, die in Qualität und Design weltweit einzigartig sind. „In der global gesehen doch eher kleinen Spielwarenbranche wird es immer wichtiger, ein umfassendes Produktangebot zu besitzen“, so Uwe Weiler.
„Made in Europe“ ist die Zukunft
Außerdem erschließen sich dem Unternehmen neue Vertriebswege im mediterranen Raum. Die Integration werde zwar ein paar Jahre dauern. Doch die Investition in Europa sei wichtig. Einerseits wäre die Produktion der Smoby-Spielzeuge in Fernost logistisch ohnehin viel zu aufwendig und teuer. Andererseits werde die Produktion in China zukünftig durchaus an Attraktivität verlieren. Dort hat der Wandel begonnen. „Die Lohnkosten werden explodieren“, weiß Weiler. Und die Zeiten, als ausländische Produzenten in Hongkong mit Export-Subventionen gelockt wurden, sind längst vorbei. Zudem entsteht durch die steigende Lebensqualität und Kaufkraft in China, aber auch Indien oder Russland ein ganz neuer Markt. Ein Markt, der Qualitätsspielzeug „Made in Europe“ schätzt.